m1
KUNO RAEBER (1922–1992)
Zurück zu Wort

LEBEN UND WERK

 

LEBENSDATEN UND WERKTITEL

 

WERKE: Entstehungsumstände und Inhalt

 

 

Lyrik von den Anfängen bis 1963

 

 

Entwicklung der Prosaformen bis 1968

 

 

Das Prosawerk bis 1981

 

 

 

Zur Komposition allgemein

 

 

 

Alexius

 

 

 

Das Ei

 

 

Die späte Lyrik

 

 

Die Schauspiele

 

 

Das späte Prosawerk

 

 

 

Die Erfindung des Laurentius

 

 

 

Wirbel im Abfluß

 

 

 

Bilder Bilder

Das Ei

Raebers nächster Roman Das Ei gewinnt aus dem 1972 verübten Anschlag auf das berühmteste Muttergottesbild der Christenheit sein zentrales Thema: die Befreiung vom überwältigenden Bild der Mutter. In vielfältigen, immer wieder ineinander gleitenden Ebenen von Zeit, Raum und Bedeutungsinhalt umfassen die Erscheinungsformen des ›Grundbilds‹ der Mutter für Raeber: »die Familie, den Staat, die Kirche, ganz allgemein den Zwang, den die Welt auf den erlebenden Menschen ausübt, indem sie ihn zu vereinnahmen und zu verschlingen droht« (WA III, 397). Ganz deutlich wird der Kampf der Söhne gegen die Mütter in allen seinen historischen und psychischen Ebenen als eine Auseinandersetzung des Künstlers mit den Ansprüchen seiner gesellschaftlichen Umgebung erkennbar. Raeber gestaltet die Stadt Rom, die er als Palimpsest bezeichnete, als Schauplatz eines Geschehens, in dem Vergangenheit und Gegenwart simultan werden. In allen Metamorphosen der Romanhandlung, ob als Schriftsteller, streunender Strichjunge, Altertumsforscher, Kaiser oder verschwenderischer Kleriker: immer verweigert der Sohn die Anpassung an bestehende Institutionen und strebt auf seinem Lebensweg nach einem Gegenbild zur anerkannten Ordnung der Welt, die dem Machtbereich der ›Mutter‹ entstammt. Deswegen stellt er den Familienbanden die Männerliebe gegenüber, dem hierarchischen Kaiserhof die spielerische Gegenwelt der Zwerge, dem heiligen Ort Peterskirche den Lustort Kolosseum und der Machtordnung der Wirklichkeit das dem Karneval entsprungene Reich des friedlichen Elefanten.

Die Reihe der Auflehnungsakte kulminiert in der Gegenwart des anfänglichen Ich-Erzählers, in der Demonstrationszüge rebellischer Jugend mit Parolen und roten Fahnen durch Rom ziehen. Inmitten des Aufruhrs der roten Horden trifft eine Bombe das Machtzentrum der Peterskuppel. Als der Sprengkörper – »höchstens so groß wie ein Kuckucksei« (WA III, 384) – explodiert, zerfällt die gesamte Kirche zu gleißendem Staub. Doch aus dem Ei ersteht das steinerne Bild der Mutter von neuem. Dieser Anblick führt den Erzähler dazu, sich mit dem Attentäter zu identifizieren, um den Anschlag selbst zu vollziehen. Doch am Ende muss er sich eingestehen, dass er das Caféhaus, in dem er seine Geschichte zu schreiben begonnen hatte, nie verlassen hat. Das Bestreben, sich den Anschlag auf das Bild der Mutter einzuverleiben, bleibt ein Schreibakt, der keine erlösende Tat zulässt. Die Befreiung gelingt nur in Worten, nicht in Werken.

Alle Angaben zu Raebers Texten
Ostereineu
Impressum
Kontakt